Aus Versehen

Noch immer da. Oder wieder.
Vom Sommer neulich wachgeküsst.
Es lebt sich befreiter,
das Herz schlägt nun leichter.
Ein neues Stativ. Ein neues Gerüst.
Ein neues Spiel und Mut.

Schon immer da. Oder wieder.
Fast übersehen. Zum Glück gesehen,
dass es geht. Vielleicht doch.
Vielleicht erst jetzt, vielleicht immer noch.
Unerwartet. Unbedarft. Aus Versehen.
Wir sind aus Versehen gut.

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Konsequenzen ohne Gewähr

Ich bin noch da. Leise, still und heimlich. Von vermisst kann nicht die Rede sein. Von verbittert schon eher. Mit Herz im künstlichen Koma, fremdbestimmt – oder selbstbestimmt, aber nicht in Einklang mit dem Hirn. Ich lüge. Ich lüge mich selbst an. Ich lüge andere an. Vor allem belügt mein Gefühl mein rationales Denken und andersherum. Gegeneinander verschworen auf Kosten meines Nachtschlafs. Das Selbst-Vertrauen leidet ein wenig, wenn das Selbst sich nicht einig ist, worauf es hören soll. Der Wunsch des Hierseins steht entgegen dem Wunsch des Woandersseins. Flucht ist nicht Rückzug. Flucht nach innen ist Selbstbetrug, Binnenkrieg. Und kopflose Blindflucht ist Fremdbetrug. Um danach zu merken: fremde Arme halten dich auch nicht sicherer als die, aus denen du geflüchtet bist. Danach hast du dann nichts mehr, nur noch das Gefühl, keinwegs klüger oder glücklicher geworden zu sein, nur ein bisschen abgefuckter. In ein, zwei Wochen ist alles vergessen. In ein, zwei Wochen findet sich wieder irgendetwas zum Hineinstürzen, um immer nur an den Folgen zu verzweifeln anstatt die Ursachen aufzuklären.

Versuchungen und Widerstehen

Das beste aus sich herausholen. Sich aufbauen. Sich in Form bringen bis man in einer Form ist, von der man erst dann merkt, dass man gar nicht hineinpasst. Falsche Passform. Wieder von vorn. Neu modellieren. Recyclen. Wegwerfen. Alles wollen, nichts wollen. Sich wiederholen. Nochmal, aber anders, diesmal besser, diesmal wirklich. Disziplin, Disziplin. Disziplin fühlt sich solange gut an, macht dich solange stark, bis die Versuchung an der Hintertür anklopft. Und es ist fies, sich zu entscheiden, weil es von Vornherein ein irrationales, ein emotionales Abwägen ist, sobald man ein Dafür in Erwägung zieht. Denn rational wäre das Dagegenentscheiden. Ganz klar. Hintertür zuschlagen. Aber noch fieser ist, wenn die Hintertür von alleine zufällt, noch ehe man zum Abwägen kam. Die Gefahr ist zwar gebannt, die Versuchung erloschen, aber damit auch der Reiz der unmöglichen Möglichkeit. Nicht mal mehr unantastbaren „Was wäre wenn“-Gedanken kann man sich hingeben, wenn die verbotene Frucht nicht mehr lockt. Viel schwieriger ist es, alles hinzuwerfen, viel schwieriger zu begründen und zu rechtfertigen, wenn man nicht weiß, wofür. Sei der Grund noch so verwerflich, noch so irrational. Und plötzlich vermisst man die Versuchung im Nacken, nur ein wenig, als unmögliche Möglichkeit, als abweichenden Ausweg, nur für den Fall eines potenziellen Falles.

Ausgeglichenheit vs. Gleichgültigkeit

Im Moment weiß ich nicht genau, woraus ich meine Motivation ziehen soll. Von Tag zu Tag ein neuer Versuch. Gestern schöpfte ich aus Solarenergie. An manchen Morgenden ist die Pflicht der Antrieb. An anderen Morgenden möchte ich die Pflicht zum Klo runterspülen wie unverdauliche Essensreste.

Wie leicht lässt sich eigentlich Gleichgültigkeit mit Ausgeglichenheit verwechseln? Wo ist die Kreuzung, an der man die Kurve kriegen muss? Oder haben beide Gemütszustände verschiedene Ausgangspunkte? Gibt es einen Kausalitätszusammenhang? Wenn man sich ausgleicht, ausbalanciert, sodass man nicht mehr schwankt, aber auch nicht mehr tendiert, sodass beide Seiten jenseits des Grats einen gleichsam anziehen – dann kann es einem doch nur noch gleich sein. Gleichgültig, solange bis man absichtlich abspringt, eigeninitiativ den Abst0ß einleitet.

Ich möchte so gern, dass Dinge etwas bedeuten. Sinn. Aktion und Reaktion. Ich wünschte, die Welt wäre ein nachvollziehbarer Ort. Es ist mir nicht gleichgültig. Ich bin nicht ausgeglichen. Aber ich hätte gerne einen Schalter, der das punktuell ändern kann. Dann müsste ich mich nicht so viel aufregen. Dann könnte ich öfter ruhig bleiben. Und von außen wäre es dann sowieso egal, ob das an Ausgeglichenheit oder an einer Scheißdrauf-Attitüde läge.

imaginärgedacht

Ich lasse diese kleine, virtuelle, koexistierende Parallelwelt verstauben und anrosten. Ich übe mich in imaginären Fluchtgedanken. Schmiede Pläne für ein Leben, das nicht meins ist und nicht meins sein wird. Schlösser, von Nebelmaschinen entworfen, effektvoll, aber ineffizient und beim Näherkommen fällt auf, dass es doch eher unangenehm künstlich riecht ( – Waldmeister?).

Oft nehme ich mir etwas vor, woran ich dann zu zweifeln beginne. Was tun? Ich frage mich: Ist es nun ein Zeichen von Schwäche, den Plan aufzugeben? Oder ein Beweis für Stärke, sich Irrwege einzugestehen? Stark, etwas durchzuziehen? Oder schwach, sich den Rückzug nicht zu erlauben? Und warum läuft es in meinem Selbstverständnis immer auf ein Schwächeeingeständnis hinaus? Wieso gibt es immer so viele Blickwinkel und keine Eindeutigkeit?

Das ist Einstellungssache, Anschauungssache. Wer sich das Leben schwer macht, hat selber Schuld.

Doch etwas Frohmut zum Schluss: vor gut einer Woche war ich in Hamburg auf einem Konzert von Olli Schulz. Mal mit Band, mal ohne, meist mit Gitarre, manchmal ohne und mit Herz, nie ohne, so spielte spielte er zweieinhalb Stunden Altes und Neues und erzählte und säte Eintracht unter seinen Zuhörern- und schauern. Was für ein Glück, dabei gewesen zu sein.

Zuneigungsbekundung

Das Wochenende war wirklich schön. Die letzte Woche war nicht die schlechteste. Ich hab nicht viel geschafft, aber mehr als absolut gar nichts. Am Freitag war ich in Aachen (es war so kalt! Ich dachte, es wird jetzt Frühling!), Kaffeetrinken mit meiner wunderbaren Freundin, Lindt-Outlet durchforsten mit ihr und meinem Festen. Immer aufregend, wenn man sich unbekannte Freunde einander vorstellt. Ging natürlich alles gut. Weil ich in solchen Momenten immer das seltsamste Verhalten an den Tag lege, muss ich in der Dreierkombination am ehesten wie der Fremdkörper gewirkt haben und die anderen beiden wie gute Freunde. (Albernheitsgedanken: „Schön, dass ihr euch so gut versteht, aber ich bin hier das verbindende Glied! Hört auf, mich eifersüchtig zu machen!“) Es war ein schöner Tag. Abends von Aachen zu ihm, Essen, Bier, Schokoladensichtung. Am Samstag sind wir irgendwann nachmittags nach Köln gefahren. Im Bus fühlte ich mich bei „Wer bin ich?“ wieder wie auf früheren Autoreisen zu den Großeltern. Ich mag es, auch manchmal noch Kind sein zu dürfen. Ich mag es, „Du bist doof“ sagen zu dürfen und ihn daraufhin zu küssen. (Ohnehin scheinen doch liebevoll geäußerte Beleidigungen die neuen Zuneigungsbeweise zu sein, neben der Ausgabe des WLAN-Passworts.) In Köln liefen wir ziellos umher, vertrieben uns die Zeit bis zum Sushi-Date mit seiner besten Freundin und ihrem Freund. Halb erfroren, halb betrunken nach einem Bier auf nüchternen Magen war’s dann um kurz vor neun endlich so weit und wir haben uns bis kurz vor elf mit Begeisterung durch die gesamte „All you can eat“-Karte gefressen. Es war so gut. Der Bauch danach so voll. Dann rollten wir zum Bahnhof, mussten x-mal in Züge und Busse umsteigen und waren dann um kurz vor halb drei bei ihm zuhause. So liebe ich doch Wochenenden. Mit abschließendem Serienmarathonsonntag. (Fargo!)

Vielleicht werde ich ihn sogar etwas mehr vermissen bis wir uns überübernächstes Wochenende erst wiedersehen. (Familienbesuch zwischendurch. Verbunden mit Friseur, Theater und Olli Schulz. Das beste rausholen aus dem Drunter und Drüber des Familienlebens.)

Rezessive Selbstsicherheit, dominante Depressivität

Sich selbst nicht genug sein. In der Gruppe ein Puzzlestück, allein dann aber die Verlorenheit in Person. Selbst 14 Quadratmeter sind zu viel Raum, zu viel Leere. Ein Häufchen Elend, was sollen denn schon wieder die Tränen? Trüber Himmel, trübsinniges Gemüt, Trübsal bläst mir um die Ohren, durch den Kopf. Fröstelnd, zitternd wie von Abhängigkeit. Gestern noch und die Tage davor, da war ich noch ein Teil von, heute bin ich nicht genug allein. Kopfschmerzen, Magendrücken. Ibuprofen, mein Freund. Essen nicht bei mir behalten, meine Erleichterung. Anfangen, anfangen, ablenken, weglenken, wegdenken, was soll dieses Gefühl schon wieder? Was ist denn hier so schwer auszuhalten? Bitte lenk mich ab, bring mich vom Weg ab, zeig mir einen Weg, ich sehe nichts und ich will nichts sehen, nur davon träumen, dass es anders sein könnte.

Ich habe seit mindestens vier Wochen nicht mehr mit meiner Familie telefoniert und ich traue mich auch nicht, sie anzurufen. Ich müsste lügen, wie es mir geht, weil ich es nicht erklären könnte. Ich würde womöglich weinen und das würde sie traurig machen. Ich müsste sagen, dass ich nicht das schaffe, was ich schaffen müsste. Dass ich mich wie eine Versagerin fühle, weil ich die Kämpferin in mir nicht finden kann. Ich könnte sagen, dass ich superliebe Freunde habe, „einen Freund“, von dem ich nicht mal weiß, weshalb er „mein Freund“ ist. Ich seh ihn doch nur am Wochenende. Ich gehe doch nur auf die Nerven mit meiner ständigen Heulerei. Essen, Trinken, Sex. Das verbindet uns. Und sonst? Warum soll man das Beziehung taufen? Und immer sitzt mir die Angst im Nacken. Sie sagt mir, dass ich zu nichts zu gebrauchen bin. Nichts kannst du wirklich. Man braucht dich nicht. Du bereicherst kein Leben in einer Art, wie es nicht auch jemand anders könnte. Du gehst im Überfluss unter. Zu negativ, zu rezessiv, um sich durchzusetzen. Die natürliche Selektion wird dich beseitigen. Wie es sich gehört.