Konsequenzen ohne Gewähr

Ich bin noch da. Leise, still und heimlich. Von vermisst kann nicht die Rede sein. Von verbittert schon eher. Mit Herz im künstlichen Koma, fremdbestimmt – oder selbstbestimmt, aber nicht in Einklang mit dem Hirn. Ich lüge. Ich lüge mich selbst an. Ich lüge andere an. Vor allem belügt mein Gefühl mein rationales Denken und andersherum. Gegeneinander verschworen auf Kosten meines Nachtschlafs. Das Selbst-Vertrauen leidet ein wenig, wenn das Selbst sich nicht einig ist, worauf es hören soll. Der Wunsch des Hierseins steht entgegen dem Wunsch des Woandersseins. Flucht ist nicht Rückzug. Flucht nach innen ist Selbstbetrug, Binnenkrieg. Und kopflose Blindflucht ist Fremdbetrug. Um danach zu merken: fremde Arme halten dich auch nicht sicherer als die, aus denen du geflüchtet bist. Danach hast du dann nichts mehr, nur noch das Gefühl, keinwegs klüger oder glücklicher geworden zu sein, nur ein bisschen abgefuckter. In ein, zwei Wochen ist alles vergessen. In ein, zwei Wochen findet sich wieder irgendetwas zum Hineinstürzen, um immer nur an den Folgen zu verzweifeln anstatt die Ursachen aufzuklären.

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Weltenbummeln

Es ist mir lieber, in eine andere Welt einzutauchen als andere in meiner Welt einkehren zu lassen. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht viel zu bieten habe, schon gar nicht reell, oder daran, dass ich Verantwortung lieber abgebe als übernehme, zumindest wenn ich mit einem enttäuschenden Ergebnis rechne, was ich vorsichtshalber meistens tu. Auch bleibt es einem erspart aufzuräumen. Denn der Besuch und das damit verbundene Aufräumen bedeutet oftmals weniger, zeigen zu können, was man hat, sondern zu verstecken oder darüber hinwegzutäuschen, was fehlt. Wenn man hingegen woandershin reist, besteht die Möglichkeit, zumindest theoretisch und potentiell, den Ballast zurückzulassen, statt ihn einer anderen Person vorstellen zu müssen.

Ich klinge wie ein Messie. Dabei meine ich das eher emotional als gegenständlich. Außerdem weiß ja jeder halbwegs gescheite Mensch, dass Aufräumen zwar Arbeit bereitet, das Resultat aber durchaus positiv zu bewerten ist. Ist es normal, wenn es einem im Woanders leichter fällt aus sich herauszukommen als in der eigenen Welt? (Wo soll denn da überhaupt die Grenze sein?)Vielleicht nicht, weil die Sicherheit, der Rückhalt fehlt. Oder nur, wenn einem das „Zuhause“ nicht Sicherheit und Rückhalt bietet. Oder gerade, weil man sich in einer Fremde, zu der man die Tür öffnet, von selbst auferlegten Konventionen lösen kann, erstmal auf Zeit und auf Probe eine andere Hülle austesten kann, ohne sich sofort zu verschreiben.

Ich führe nur ein Leben und schlüpfe nicht in unterschiedliche Identitäten. Aber ich versuche regelmäßig Teile von mir auszugrenzen. Mein schüchternes Ich lasse ich heute zuhause. Oder mein trauriges Ich sperre ich übers Wochenende in den Schrank. Meine Zweifel kehre ich unters Bett und Selbstbewusstsein schöpfe ich aus der Vorfreude, fülle mir damit die Taschen und nehme es mit.
In einer Unterhaltung mit meiner Mutter über häufige Wochenendaktivitäten sagte sie mir: manchmal glaube ich, das ist alles nur eine Flucht. Wenn sie unterwegs ist. Kurztrips, reisen, ausgehen. Aber was soll es denn sonst sein? Ja, Flucht! Raus aus Alltag, raus aus Zwangsjacke, Überruhe und Stress. Es ist doch einfach eine Art von Muße und Zerstreuung.

(„Sag nicht Ich habe Angst davor, sag: Ich habe Respekt.“ Meine liebe ehemalige Mitbewohnerin in Hildesheim. Ja, es hängt manchmal wirklich eine Menge an Begrifflichkeiten. Macht und Ohnmacht, Risiken und Chancen, Einigung und Missverständnisse. Wörter machen’s möglich.)