Aus Versehen

Noch immer da. Oder wieder.
Vom Sommer neulich wachgeküsst.
Es lebt sich befreiter,
das Herz schlägt nun leichter.
Ein neues Stativ. Ein neues Gerüst.
Ein neues Spiel und Mut.

Schon immer da. Oder wieder.
Fast übersehen. Zum Glück gesehen,
dass es geht. Vielleicht doch.
Vielleicht erst jetzt, vielleicht immer noch.
Unerwartet. Unbedarft. Aus Versehen.
Wir sind aus Versehen gut.

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Jedes Glück zu seiner Zeit

Das Wochenende hab ich vor allem dort verbracht, wo ich mich mehr heimisch gefühlt habe als Zuhause. Am Freitag kamen wir aus dem Urlaub zurück, Stunden später saß ich in der Bahn Richtung Hamburg. Immer begleitet von einem bittersüßen Gefühl. Manchmal bedeutet ein neuer Mensch, einen anderen fallen zu lassen. Nicht absichtlich. Sondern weil manche Menschenkombinationen unkompatibel sind. Ich will trotzdem nicht loslassen. Deshalb ist es im Moment eine ziemliche Strauchelei. Dennoch war das strauchelnde Wochenende schön. Wirklich schön und einfach und sorglos. Die Luft war lau, die ganzen Nächte über. Die Stadt war voll, es war ruhig und laut zugleich, Gewohnheit und Abenteuer. An der Binnenalster hat es gesummt, getrudelt, gesungen, gelebt. Im Rewe in der Europa Passage gab es kein gekühltes Bier mehr, auf der Reeperbahn wurde es stetig voller. Wir liefen und schliefen Arm in Arm, meine Gedanken waren mal hier und mal dort, mein Akku war leer, ich fühlte mich sicher, so unerreichbar wie in einem Paralleluniversum, in dem der Rest nicht zählt. Am späten Nachmittag stattete ich dem Elternhaus einen Besuch ab, duschte, aß, zog mich um, um wieder in meine Parallelwelt zu flüchten. Das Wetter war perfekt. Warm, dunkel, auf der Fensterbank sitzend fühlte ich einen leichten Wind und wäre ich in dem Moment aus dem dritten Stock gefallen, wäre ich glücklich gestorben. Aber ich fiel nicht. Stattdessen liefen wir erneut zu Fuß zur Reeperbahn. Es war schon kurz vor Mitternacht und mehr los als am Freitag. Ich trug Rock statt Hose, was offenbar auch nochmal Grund genug für dämliche und uninspirierte Sprüche ist, die vielleicht irgendwo als Anmache gedacht gewesen wären, aber keiner Beachtung wert waren. Außerdem hielt er meine Hand, lotste mich durchs Gewühl und den Gestank. Wir durchquerten beides freudestrahlend und nirgendwo hätte ich lieber sein wollen – in diesem Moment. Es wurde später, es wurde hell. Wir wanderten in Richtung Hafen, der Fischmarkt war noch leer, erst halb aufgebaut, die Marktschreier wohl noch zu müde zum Schreien. Es fing zu nieseln an, als wir uns ans Hafenbecken setzten, die Beine baumelnd und Erdbeeren essend. Die Tropfen fielen aufs Wasser, Menschen liefen hinter uns umher, wir noch halb betrunken, müde sowieso und ruhig. So soll es sein, dachte ich. Das sind Momente, die das Leben ausmachen. Das ist ein Moment, der bleibt. Ich sagte ihm das. Kennst du die Momente, in denen du einfach weißt, dass du sie nie vergisst? Er hat mich angelächelt und genickt, sich auf den Rücken gelegt und in den Regenhimmel geschaut. Wir wachten kurze Zeit später wieder auf, weil der Regen stärker wurde. Sahen Beine, die um uns herumgingen. Durch den Regen nach Haus. Wie selbstverständlich. Müde und erschöpft, aber nicht kaputt. Ich fühlte mich sehr heil, sehr wohl. Gedankenbisse kamen erst am nächsten Tag. Was sagt dein Herz, Karo? Es sagt, sei glücklich, wenn du kannst. Sei glücklich, wenn du weißt, wie. Und es sagt, vergiss nicht. Vergiss nicht, was du wolltest, denn es hatte einen Grund, dass du das wolltest und es wird dir leidtun, wenn es verloren ist. Ich bin dabei zu verlieren, weil ich einen Tausch gegen ein paar Stunden gewonnenes Glück eingehe. Dabei weiß ich nicht mal, was genau ich verliere? Einen Menschen? Eine Hoffnung? Einen Mann? Eine Liebe? Eine Möglichkeit? Eine Idee? Einen Wunsch? Potenzielle Erfülltheit? Wirf das potenzielle Optimum in eine Waagschale mit realem Teilzeitglück. Warum in die Ferne schweifen…

Ich will nichts loslassen. Ich will alles – zu seiner Zeit.

Leid und Freud

Und plötzlich ist wieder Sommer. Er hat sich vor ein paar Wochen schon kurz angekündigt, ist wieder verschwunden und nun schlägt er einem mit knapp 30 Grad ins Gesicht. Welcome back. Wäre schön, wenn du bleibst. (Übrigens würden 24 Grad mir auch genügen. Falls es keine Umstände bereitet.)

Die Bachelorarbeit befindet sich nun (endlich!) im Druck. Morgen kann ich sie abholen. Ich habe gefragt, mit wie viel Geld zu bezahlen ich rechnen muss: 50 bis 60 Euro für alle drei Exemplare. Irre ich mich oder ist das eine ganze Menge?! Ich werde lieb gucken und lächeln und Augenklimpern und mit meinem Studentenausweis wedeln und hoffen, dass das unter die Kunstfertigkeit des Handelns fällt und mit Erfolg gekrönt wird. Dann kann ich sie (endlich!) abschicken. Dann bin ich sie (ENDLICH!) los und muss nur noch abwarten, was an Rückmeldung kommt und die mündliche Prüfung überstehen und irgendwann bald werde ich dann tatsächlich diesen nichtsnützigen Abschluss haben. In Kulturwissenschaften und ästhetischer Praxis. Na herzlichen Glückwunsch…

Das „Und dann…?!“ schwebt noch immer drohend und brodelnd über mir. (Liebe Grüße an Tantalos an dieser Stelle, der in der Hölle schmort, weil er die griechischen Götter verarschen wollte. Ich fühle mit dir und deinem Felsbrocken über deinem Haupt. Und ich hoffe, ich verwechsle dich gerade nicht mit einem anderen griechischen Mythos.)

Ich träume in letzter Zeit verrücktes Zeug. Ich renne Männern hinterher, Lotta kriegt Welpen, ich verliebe mich in eine Frau, ich bin unheilbar krank, im Schulsport komme ich zu spät, finde die Umkleide nicht, habe die Hälfte meiner Sportklamotten vergessen und muss die andere Hälfe vor der versammelten Klasse in der Sporthalle anziehen. Na, Freud, was fällt dir dazu ein? (Will ich gar nicht wissen. Ich hab mich selbst mal mit Traumdeutung beschäftigt, allerdings eher mit Jung als mit Freud, und halte es keineswegs für esoterischen Quatsch. Aber allzu tief möchte ich gerade in meine seelische Verfassung gar nicht bewusst eintauchen. Verdrängungsphase und so.)

Jahreszeiten zu Besuch

Das beste an einer Dachgeschosswohnung? Man ist immer unbeobachtet, wenn die direkten Nachbarn alle tiefer wohnen als man selbst. Man kann mitten am Tag das Fenster sperrangelweit öffnen, die Musik auf LAUT stellen und eine Party nur für sich feiern. (Zum Beispiel, wenn die Mitbewohnerin gerade übenderweise auf ihrer Geige herumschrammelt. Für eine halbe Stunde fühlt sich die WG dann sehr musisch an, danach fühlen sich meine Nerven nur noch strapaziert. Gegenangriff! Nur, dass sie sich jetzt wahrscheinlich auch selbst nicht mehr hört. Dafür bröselt bei den Mietern unter uns der Putz von der Decke. Das Leben ist halt ungerecht.) Nein, ich will’s nicht überbeanspruchen. Aber manchmal muss Musik einfach laut gehört werden. (Die coolen fahren dazu Auto. Anlage aufdrehen, Fenster runter – Sommer. Ich mach’s genauso, nur eben ohne Auto.)

Das schlechteste an einer (nicht isolierten) Dachgeschosswohnung? Im Winter ist’s immer kalt und die Heizkosten steigen ins Unermessliche. Im Sommer ist’s immer zu warm und die Dusche quasi im Dauerbetrieb.

Auf Zeit ist dies eine super Wohnung. Auf Zeit liebe ich diese Wohnung. Und wenn die Zeit rum ist, werde ich ihr auch nicht allzu lang hinterhertrauern.